12. Oktober 2026 – Lesezeit: 5 Minuten
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Totholz im Wald: Warum abgestorbene Bäume voller Leben sind

Ein abgestorbener Baum wirkt auf den ersten Blick wie das Ende eines langen Lebens. Im Wald beginnt damit jedoch eine neue Phase. Käfer besiedeln das Holz, Pilze bauen es langsam ab, Vögel nutzen Höhlen und Spalten und mit fortschreitender Zersetzung gelangen Nährstoffe zurück in den Kreislauf.

von Joanna Wierig

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Asthaufen bieten zahlreichen Tieren Verstecke, Rückzugsorte und Lebensraum.
Totholz bietet Reptilien und Amphibien wichtige Verstecke und Rückzugsorte – hier im Bild eine Blindschleiche.
Zahlreiche Vogelarten sind auf alte Bäume und Totholz angewiesen. Verlassene Spechthöhlen bieten später auch vielen anderen Tieren wertvolle Nist- und Rückzugsorte – hier im Bild ein Buntspecht.
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Totholz gehört deshalb zu einem vielfältigen Wald. Und es zeigt besonders anschaulich, warum Waldbewirtschaftung langfristiges Denken verlangt: Was heute stehen oder liegen bleibt, kann noch über Jahrzehnte Lebensraum sein.

Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL schätzt, dass rund 6’000 Insekten-, Pilz-, Wirbeltier- und Pflanzenarten in der Schweiz von alten Bäumen und totem Holz abhängig sind. Rund ein Fünftel der Waldorganismen nutzt Totholz als Lebensraum oder Nahrungsquelle.

Was ist Totholz?

Der Begriff umfasst wesentlich mehr als umgestürzte Baumstämme. Dazu gehören stehende abgestorbene Bäume ebenso wie liegende Stämme, Baumstrünke, abgestorbene Äste an lebenden Bäumen, Holzerntereste oder Asthaufen.

Diese Vielfalt ist entscheidend. Denn Totholz ist ökologisch nicht gleich Totholz. Welche Arten darin leben können, hängt unter anderem von Baumart, Durchmesser, Standort, Mikroklima und Zersetzungsstadium ab. Ein dicker alter Stamm bietet andere Lebensbedingungen als dünne Äste, ein besonnter stehender Stamm andere als ein feuchter Stamm auf dem Waldboden. 

Das bedeutet auch: Für die Biodiversität zählt nicht allein die Menge. Entscheidend ist ebenso, dass unterschiedliche Formen und Qualitäten von Totholz über lange Zeiträume vorhanden sind.

Ein abgestorbener Baum wird zum Lebensraum

Sobald ein Baum abstirbt, beginnt ein komplexer Zersetzungsprozess. Dabei verändern sich die Eigenschaften des Holzes laufend – und mit ihnen seine Bewohner.

Verschiedene Insektenarten nutzen abgestorbenes Holz zur Entwicklung ihrer Larven. Pilze erschliessen das Holz und beteiligen sich an seinem Abbau. Höhlen und Spalten alter und abgestorbener Bäume können Vögeln und anderen Tieren Nist- und Rückzugsmöglichkeiten bieten.

Mit zunehmender Zersetzung verändert sich die Lebensgemeinschaft immer weiter. Die WSL beschreibt diesen Prozess als Sukzession: Vom Absterben bis zur vollständigen Humifizierung folgen unterschiedliche Artengemeinschaften aufeinander. 

Ein abgestorbener Baum ist damit keineswegs biologisch bedeutungslos.

Was für uns nach Zerfall aussieht, ist für zahlreiche Waldorganismen Lebensraum.

Totholz kann Jahrzehnte bestehen bleiben

Hier zeigt sich die Verbindung zum Langzeitdenken besonders deutlich.

Wie schnell Holz zerfällt, hängt unter anderem von Baumart und Mikroklima ab. Nach Angaben der WSL kann der Abbau bei Pappeln, Weiden und Birken etwa 10 bis 20 Jahre dauern, bei Buche und Kiefer 30 bis 50 Jahre und bei Eichen bis zu 80 Jahre. 

Ein Baum, der heute als Totholz im Wald verbleibt, kann also noch für Jahrzehnte Teil des Ökosystems sein.

Während dieser Zeit verändert er sich ständig. Neue Strukturen entstehen, andere verschwinden. Arten kommen und gehen. Das Holz wird weicher und zerfällt schliesslich immer stärker.

Damit wird Totholz zu einem eindrücklichen Beispiel dafür, dass Wald nicht in Monaten oder einzelnen Vegetationsperioden funktioniert. Waldentwicklung geschieht über Jahrzehnte und Generationen.

Mehr als Lebensraum: Totholz erfüllt weitere Funktionen

Totholz ist nicht nur für spezialisierte Arten wichtig. BAFU und WSL weisen auf weitere Funktionen hin: Abgestorbenes Holz kann Wasser, Nährstoffe und Kohlenstoff speichern und bei seiner Zersetzung teilweise Stoffe an den Boden weitergeben. Liegendes Totholz kann zudem für die Waldverjüngung eine Rolle spielen. 

Beim Kohlenstoff lohnt sich allerdings ein genauer Blick. Totholz ist kein dauerhafter Kohlenstoffspeicher. Die WSL beziffert den durchschnittlichen Kohlenstoffvorrat im Totholz Schweizer Wälder auf fast sieben Tonnen Kohlenstoff pro Hektare. Während der oft jahrzehntelangen Zersetzung wird jedoch ein grosser Teil dieses Kohlenstoffs wieder als CO₂ freigesetzt; nur ein kleiner Teil gelangt längerfristig in den Bodenhumus. 

Totholz gehört somit zum Kohlenstoffkreislauf des Waldes – seine besondere ökologische Bedeutung liegt jedoch vor allem in seiner Rolle für Lebensräume, natürliche Prozesse und den Waldboden.

Warum gibt es im bewirtschafteten Wald weniger alte Bäume?

In einem Naturwald können Bäume ihren gesamten Lebenszyklus durchlaufen: Sie wachsen, altern, sterben und zersetzen sich schliesslich am Ort.

In einem bewirtschafteten Wald wird ein Teil der Bäume dagegen genutzt, bevor sie ihr biologisches Höchstalter erreicht haben. Dadurch sind besonders alte Entwicklungsphasen und die damit verbundenen Strukturen seltener.

Genau diese Strukturen benötigen jedoch zahlreiche spezialisierte Arten. Die WSL weist deshalb darauf hin, dass nicht nur die Totholzmenge entscheidend ist. Besonders alte Bäume mit vielfältigen Mikrohabitaten sowie dickes Totholz in fortgeschrittenen Zersetzungsstadien sind teilweise noch zu selten. 

Der Schweizer Wald hat sich in dieser Hinsicht allerdings positiv entwickelt: Gemäss Waldbericht 2025 haben Strukturvielfalt und Totholzvolumen in der vergangenen Dekade zugenommen. Gleichzeitig bestehen weiterhin regionale Unterschiede und ökologische Defizite. 

Totholz und nachhaltige Waldbewirtschaftung

Holznutzung und Totholzförderung müssen keine Gegensätze sein.

Ein Ziel der naturnahen Waldbewirtschaftung ist es, auch in bewirtschafteten Wäldern ökologisch wertvolle Strukturen zu erhalten. Dazu können beispielsweise stehendes und liegendes Totholz, Habitatbäume oder bewusst belassene Baumgruppen gehören.

Bund und Kantone fördern Alt- und Totholz unter anderem durch Waldreservate, Altholzinseln und Biotopbäume. Das BAFU hat zudem Sollgrössen für Totholzvolumen in verschiedenen Grossregionen festgelegt. 

Für besonders anspruchsvolle Arten braucht es allerdings auch Flächen, auf denen die natürliche Waldentwicklung langfristig Vorrang hat. Die WSL betont deshalb die Bedeutung unbewirtschafteter Wälder für Arten, die auf grosse Mengen alten und toten Holzes angewiesen sind. 

Totholz ist auch eine Entscheidung für die Zukunft

Einen alten Baum stehen oder einen abgestorbenen Stamm liegen zu lassen, kann unscheinbar wirken. Aus Sicht der Waldbewirtschaftung kann dahinter jedoch eine bewusste Entscheidung stehen.

Denn wer heute einen Habitatbaum erhält oder eine Altholzinsel ausscheidet, denkt über den aktuellen Waldbestand hinaus.

Vielleicht entsteht eine Baumhöhle erst Jahre später. Vielleicht braucht ein Stamm Jahrzehnte, bis er genau jenes Zersetzungsstadium erreicht, auf das eine spezialisierte Art angewiesen ist. Vielleicht profitieren von einer heutigen Entscheidung Waldorganismen, die erst in vielen Jahren diesen Lebensraum besiedeln.

Gerade deshalb braucht Biodiversitätsförderung im Wald zeitliche Kontinuität. Die WSL weist darauf hin, dass natürliche Wälder durch eine langfristige Kontinuität und räumliche Vernetzung von alten Bäumen und Totholz geprägt sind. 

Forstwirtschaft bedeutet, in Generationen zu denken

Ein Wald entwickelt sich in einer anderen Zeitdimension als viele andere von Menschen genutzte Systeme.

Forstleute pflegen heute junge Bäume, deren Entwicklung weit über ihr eigenes Berufsleben hinausreichen kann. Sie nutzen Bäume, deren Wachstum frühere Generationen begleitet haben. Und sie entscheiden gleichzeitig, welche Bäume genutzt werden und welche Strukturen bewusst erhalten bleiben.

Totholz macht dieses Langzeitdenken besonders sichtbar.

Ein Baum hört mit seinem Tod nicht auf, Teil des Waldes zu sein.

Er verändert lediglich seine Funktion. Aus dem lebenden Baum wird Lebensraum, Nahrungsquelle und Bestandteil von Stoffkreisläufen. Über Jahre und Jahrzehnte wird das Holz abgebaut, bis seine Bestandteile wieder Teil des Bodens und des Kreislaufs werden.

So verbindet Totholz Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Waldes.

Fazit: Ein lebendiger Wald lässt auch Alter und Zerfall zu

Totholz gehört zum natürlichen Waldzyklus und ist für die Biodiversität von grosser Bedeutung. Tausende Arten sind in der Schweiz auf alte Bäume und abgestorbenes Holz angewiesen. Gleichzeitig beeinflusst Totholz Nährstoff- und Wasserhaushalt, Waldverjüngung und Kohlenstoffkreislauf. 

Eine nachhaltige Waldbewirtschaftung denkt deshalb nicht nur darüber nach, welche Bäume heute genutzt werden können, sondern auch darüber, welche Strukturen der Wald morgen braucht.

Manchmal bedeutet gute Waldpflege, aktiv einzugreifen.

Und manchmal bedeutet sie, einen Baum einfach stehen oder liegen zu lassen.

Denn aus Vergänglichkeit entsteht im Wald neues Leben – und aus Entscheidungen von heute der Wald von morgen.

Tiefere Informationen finden Sie auf folgenden Seiten:
Totholz und alte Bäume – Kennen, schützen, fördern (WSL)
WSL Merkblatt Totholz im Wald – Entstehung, Bedeutung und Förderung 
Waldbiodiverität (BAFU)

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12. Oktober 2026 - Lesezeit: 5 Minuten

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